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Mittwoch, 13. November 2013

Taifun Haiyan: Die Hilfe des SRK ist unterwegs

Beatrice Weber ist Leiterin der Abteilung Not- und Katastrophenhilfe des schweizerischen Roten Kreuzes und verantwortlich für die Einsätze des SRK auf den Philippinen. Sie gibt einen Einblick in die konkrete Arbeit der Nothelfer.









Beatrice Weber, die Bilder in den Medien sind erschütternd, warum dauert es so lange, bis Hilfe bei den Betroffenen ankommt?

Am liebsten würden wir alle grad in den Gummistiefeln losstürzen - aber wir dürfen nicht vergessen: Unser Partner sind schon seit Stunde 1 vor Ort. Das philippinische Rote Kreuz war schon im Einsatz, bevor der Taifun auf Land traf. Unsere Kollegen evakuieren und helfen schon seit Tagen.

Humanitärer Konvoi des Philippinischen Roten Kreuzes unterwegs in Richtung Leyte.
© Philippine redcross
Unsere Schwesterorganisation fährt zurzeit vier Hilfsoperationen gleichzeitig: Die jetzige Katastrophe, der Taifun Bopha im letzten Winter, die Überschwemmungen im Sommer und das grosse Erdbeben vor einem Monat, das genau die Region traf, die jetzt vom Taifun so verwüstet wurde. Unsere Kollegen sind zwar Profis, aber viele von ihnen sind gleichzeitig auch Opfer.

Umso dringender ist da die internationale Hilfe?

Wir müssen uns in Geduld fassen. Allein die Rotkreuzbewegung umfasst 189 Länder, die potenziell helfen wollen – das ist ein riesiger Koordinationsaufwand. Zuerst müssen wir wissen: wer braucht was, wer bringt was wohin und vor allem - auf welchem Weg. Es macht einfach keinen Sinn, wenn wir alle das Gleiche schicken.

Das klingt vernünftig, wie schwierig ist es, das auszuhalten? 

Die Situation nimmt uns alle mit. Stellen Sie sich vor: Strassen und Brücken sind zerstört, ebenso Landepisten oder Hafenanlagen - dies in einem Land, das aus 7000 Inseln besteht. Wir haben Flugbilder von verwüsteten Regionen erhalten, die noch niemand erreichen konnte. Unter diesen Umständen müssen wir Tausende von Tonnen transportieren - Hilfsgüter und Trinkwasser kann man nun mal nicht Facebook posten.

Freiwillige verteilen Trinkwasser und Nahrungsmittel im Norden Cebus © Jarkko Mikkonen/Finnish Red Cross
Wenn eine Katastrophe geschieht, möchten viele Menschen helfen und spenden deshalb Geld. Warum brauchen wir das so dringend?

Im Notfall braucht es sofort viel Geld: Wir lagern an verschiedenen Orten der Welt Hilfsgüter – so auch in Malaysia. Darum können wir auch Zelte, Haushaltsgerät und Werkzeug senden. Wo das möglich ist, kaufen wir regional Güter ein. Damit können wir auch die Wirtschaft in den weniger betroffenen Landesteilen unterstützen. Für die unmittelbare Hilfe hat das SRK gestern eine Million Franken bereitgestellt. Solche Summen stehen nur deshalb so schnell zur Verfügung, weil es Menschen gibt, die so grosszügig spenden.


Freiwillige verteilen Familien-Kits des SRK nach dem Taifun Bopha im vergangenen Dezember. © SRK, Carlos Ortega

Das SRK ist ein kleines, aber nicht unwichtiges Rädchen der ganzen Hilfsgemeinschaft, was tragen wir konkret bei? 

Wir sind international bekannt und anerkannt für unsere Kompetenzen im Bereich Logistik. Einer unserer Projektverantwortlichen konnte noch am Sonntag ausreisen, ein Logistiker folgte am Dienstag. Unser sechsköpfiges Logistik-Team steht auf Abruf bereit. Wir werden später sehen, wo es uns noch braucht.
In der Zusammenarbeit mit der internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung erlebe ich immer wieder eines: jedes Team tut, was es kann. Im Moment gehört meine Bewunderung den Kolleginnen und Kollegen vom Philippinischen Roten Kreuz, die einen hervorragenden Job machen. Ich bin stolz, wenn wir sie dabei gut unterstützen können.

Unzählige Freiwillige klopfen an die Tür der philippinischen Rotkreuzstationen. Hier werden Güter für Familien in Visayas. gepackt. © Philippine redcross.
Interview: SRK, Sibylle Dickmann



Interview mit Beatrice Weber und Logistiker Thomas Büeler vor seiner Abreise auf die Philippinen. Schweiz Aktuell 12. 11.2013




SRK-News-Chonologie

Nach dem Taifun Bopha: SRK- Mitarbeiter Carlos Ortega erzählt

Dienstag, 29. Oktober 2013

Brotfladen am frühen Morgen

In der libanesischen Stadt Zaleh versorgt das Rote Kreuz syrische Flüchtlinge mit Brot. SRK-Mitarbeiter Karl Schuler hat die Bäckerei am Morgen einer Verteilung besucht.
 



 








Da sind wir an diesem Sonntagmorgen in der libanesischen Hauptstadt Beirut besonders früh aufgebrochen, um rechtzeitig bei der Brotverteilung um halb Acht in der Stadt Zaleh auf halbem Weg zwischen Beirut und Damaskus einzutreffen. Und waren sogar ein bisschen stolz darauf, den Wecker auf fünf Uhr gestellt zu haben.

Bis der Bäcker Wahel Ibrahim dann gleich bei der Begrüssung in der Grossbäckerei "Latour" zufrieden auf die über 2000 frischen Brotfladen zeigte, die er und seine zehn Angestellten seit drei Uhr früh zubereitet haben. Im Vergleich zu ihnen waren wir trotz allem Langschläfer...


Wahel Ibrahim

Gebacken haben sie die typischen flachen Pita-Brotfladen im Auftrag des Roten Kreuzes, welches sie an diesem Sonntag an syrische Flüchtlingsfamilien verteilt. Je nach Grösse der Familien erhalten diese zwischen einem und mehreren Kilos der Fladen, die sich über eine Woche gut halten lassen. Der 32-jährige Wahel Ibrahim ist bereits seit 14 Jahren Bäcker, aber so viele Brotfladen habe er in seinem Betrieb noch nie gebacken, meint er.

Freiwillige des Libanesischen Roten Kreuzes haben jene Familien der umliegenden Flüchtlingssiedlungen ausgesucht, die besonders auf Hilfe angewiesen sind. Heute stehen 300 Frauen und Männer an, um die Brotpakete entgegenzunehmen. Einige Kinder und Jugendliche sind mit dem angerosteten Velo oder Kleinmotorrad gekommen, um anschliessend die wertvolle Fracht zu transportieren.

Der Zustrom der Menschen aus Syrien bedeutet für den Libanon, der vier mal kleiner ist als die Schweiz, in jeder Hinsicht eine grosse Herausforderung. Bereits leben mindestens 1.2 Millionen Syrerinnen und Syrer in diesem Nachbarland, das bisher gut 4 Millionen Einwohner zählte. In der christlichen Kleinstadt Zaleh in der fruchtbaren Bekaa-Ebene hat sich die Einwohnerzahl innerhalb eines guten Jahres von 25 000 auf über 50 000 mehr als verdoppelt. Nur etwa 10 % der syrischen Flüchtlinge gehören zu jener Schicht, die sich ein Haus oder eine normale Wohnung leisten können.


Die Mehrheit mietet sich in einem der vielen noch nicht fertig erstellten Gebäude oder in Garagen und sonstigen Verschlägen einen Raum zu oft überhöhten Preisen. Und das ärmste Drittel mietet für monatlich 60 Franken eine Hütte aus Plastik und Holzlatten in einem der 55 in der ganzen Bekaa-Ebene verteilten provisorischen Lager. Um die Kosten zu senken, teilen sich zwei bis drei Familien eine grössere Zelt. In einer eigens eingerichteten Kochnische steht ein Rechaud für die Zubereitung des heissen Tees und eine einfache Mahlzeit.

Ali Issa bringt seiner fünfköpfigen Familie die Brotration nach Hause.
Auch Ali Issa, der vor bald einem Jahr mit seiner fünfköpfigen Familie aus dem umkämpften Aleppo hierher geflüchtet ist, teilt seine Hütte mit einer weiteren Familie. Er habe in seinem Heimatland ein Landstück zu tiefem Preis verkaufen müssen, um hier seine Familie durchzubringen. Nur unregelmässig findet er Arbeit als Taglöhner in einem der grossen Landwirtschaftsbetriebe in der Bekaa-Ebene, um Tomaten zu pflücken oder Kartoffeln auszustechen. Wir begleiten ihn in sein provisorisches Zuhause und werden von seiner Frau Sanaa freundlich begrüsst. Sie und ihre drei kleinen Mädchen haben sich auf das frische Brot besonders gefreut. Und Sanaa meint, sie habe einige Erfahrung darin, wie sich das Brot möglichst lange aufbewahren lasse, um es zu den täglichen Gerichten zu reichen.




Ein denkwürdiges Jubiläum: 150 Jahre Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung.

Im Anschluss an eine internationale Konferenz, die im Herbst 1863 in Genf stattfand, nahm der Rotkreuzgedanke konkrete Formen an und verbreitete sich weltweit. In den Folgejahren entstanden nach und nach lokale Komitees und Nationale Gesellschaften. Dunants Utopie wurde Realität.


Philippe Bender, Historiker, Abteilung Kommunikation SRK

Der 29. Oktober 1863 ist der Geburtstag der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung. Damals nahmen Vertreter von vierzehn europäischen Staaten, von gemeinnützigen Organisationen und mehrere Militärärzte an einer Konferenz in Genf teil. In einer Schlusserklärung wurden alle Länder aufgefordert, Komitees oder Hilfsgesellschaften zur Versorgung von Soldaten zu gründen, die im Kampf verwundet werden.


Diese Konferenz folgte dem prophetischen Aufruf, den Henry Dunant (1828-1910) in «Eine Erinnerung an Solferino» lanciert hatte. In diesem Buch berichtete er über seine dramatischen Erlebnisse nach der Schlacht von Solferino am 24. Juni 1859. 


Die Schlacht bei Solferino. Carlo Bossoli, Museo Nazionale del Risorgimento, Turin. Photothek IKRK 

In der Nähe dieses italienischen Städtchens wurde eine der grössten und zugleich blutigsten Schlachten des 19. Jahrhunderts geschlagen. Zwischen der französischen und piemontesischen Armee unter der Führung von Napoleon III. und dem österreichischen Heer unter dem Kommando von Franz-Joseph kam es zu einem fürchterlichen Gemetzel. Beide Lager mussten grosse Verluste hinnehmen: 

Insgesamt lagen 40 000 Tote und Verwundete auf dem Schlachtfeld. Angesichts dieses Blutbads waren die Sanitätsdienste der beiden Armeen völlig überfordert. Pro 1000 Soldaten stand nur ein Chirurg zur Verfügung, die Sanitätssoldaten waren schlecht ausgebildet und die Medikamenten- und Verbandskisten waren hinter der Front zurückgeblieben.

Henry Dunant war aus geschäftlichen Gründen an den Gardasee gereist. Er wollte dem französischen Kaiser seine Streitigkeiten mit der algerischen Kolonialverwaltung unterbreiten. Unvermittelt wurde er mit den Schrecken des Krieges konfrontiert. Die Kirche von Castiglione war überfüllt mit sterbenden Soldaten, deren Blut sich auf den Kirchenboden ergoss. Durchdringender Eitergeruch erfüllte die Luft.

Dunant liess seine Pläne fallen, um den Verwundeten zu helfen, die ohne medizinische Versorgung dem Tod geweiht waren. Er unterschied nicht zwischen Freund und Feind. Unterstützt von den Frauen von Castiglione, die dem Aufruf «Tutti fratelli!» folgten, wurde der Bankier zum «barmherzigen Samariter».

1862: Eine Erinnerung an Solferino


Zurück in Genf schrieb Dunant seine aufwühlenden Erfahrungen nieder, «wie geleitet von einer höheren Macht und inspiriert durch den Atem Gottes». «Eine Erinnerung an Solferino» erschien Ende Oktober 1862 zunächst als Luxusausgabe, die für die europäischen Königshäuser und Staatskanzleien bestimmt war. Denn Dunant wollte die Regierenden davon überzeugen, dass verwundete Soldaten nach geschlagener Schlacht nicht einfach ihrem Schicksal überlassen werden dürfen. Sein christlicher Glaube, die moralische Überzeugung, dass jedes einzelne Menschenleben zählt, und seine humanistische und kosmopolitische Haltung bewogen ihn dazu, an das Gewissen seiner Zeitgenossen zu appellieren. Das Buch wurde ein grosser Erfolg und rüttelte Machthaber und Öffentlichkeit auf. Von allen Seiten wurde Henry Dunant zu seinem Werk beglückwünscht. Gekrönte Häupter, Minister, Generäle, Schriftsteller, Philanthropen – alle gratulierten ihm. 


Al Moadamia, Syrien. Ein Ehepaar wird unter dem Schutz des Rotkreuzemblems ausdem Kampfgebiet evakuiert. Ibrahim Malla/IFRC
Aber waren sie auch bereit, seine zentralen Ideen zu übernehmen: den Aufbau von ständigen Hilfskomitees für die Verwundeten, der späteren Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften, die Neutralität der Verwundeten, des Sanitätspersonals und -materials und die Erarbeitung eines Kriegsrechts, das mitten im Kampf Schutz bietet? 

Dank der beharrlichen Arbeit einiger Genfer Bürger unter der Leitung von Gustave Moynier gelang es, die genialen Gedanken von Henry Dunant zu verwirklichen. Die Ideale des Roten Kreuzes wurden über die ganze Welt verbreitet und an die Umstände angepasst. Zugleich wurden die humanitäre Hilfe und das humanitäre Völkerrecht auf einen immer grösseren Personenkreis ausgedehnt. 


Eine Handvoll Visionäre
   
Der Jurist Gustave Moynier (1826-1910) war Präsident der Genfer gemeinnützigen Gesellschaft (SGUP). Diese einflussreiche Institution der liberalen protestantischen Elite betrieb Dutzende von wohltätigen Einrichtungen und Fonds. Moynier erkannte rasch, dass Dunants Ideen das Schicksal der Opfer bewaffneter Konflikte grundlegend verändern würden. Neben seinen persönlichen Fähigkeiten stellte er auch den Einfluss der SGUP in den Dienst von Dunants Anliegen. Für deren Tagung vom 9. Februar 1863 sah er ein Traktandum 3 vor: Integration von freiwilligem Pflegepersonal in die kriegführenden Armeen (Schlussfolgerung aus dem Buch von Dunant).
Für Henry Dunant, der seit dem 8. Dezember 1862 Mitglied der SGUP war, bedeutete diese Sitzung ein erster Erfolg. An ihr wurde eine fünfköpfige Kommission eingesetzt, die den Auftrag erhielt, einen Bericht für den Wohltätigkeitskongress zu verfassen, der im November 1863 in Berlin stattfinden sollte.


Neben Dunant und Moynier gehörten dieser Kommission drei weitere hochrangige Persönlichkeiten an: die Ärzte Appia (1818-1898) und Maunoir (1806-1869) sowie General Dufour (1787-1875), eine Symbolfigur der noch jungen Schweiz.



Fünf Genfer Visionäre
An ihrer ersten Sitzung am 17. Februar 1863 beschloss die Kommission, ein ständiges internationales Komitee zu bilden. Damit brachte sie zum Ausdruck, dass sie ihre Aufgabe auch nach der Erfüllung des Auftrags der SGUP weiterführen wollte. Die fünf Kommissionsmitglieder waren von der Bedeutung der entstehenden Institution überzeugt und wollten über den engen Rahmen ihrer Stadt hinaus tätig werden. In nur sieben Sitzungen setzte das Komitee der Fünf die drei Hauptanliegen Dunants um: die Neutralität der Opfer sowie des Sanitätspersonals und -materials, die Gründung von ständigen nationalen Hilfsgesellschaften zur Versorgung der Verwundeten – der späteren Nationalen Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften – sowie die Schaffung eines rechtlich geschützten Raums bei Kampfhandlungen, aus dem sich das humanitäre Völkerrecht entwickelte.

Die Genfer Konferenz von 1863

 
Dunant und Moynier erarbeiteten rasch einen Entwurf für ein Konkordat mit zehn Artikeln, den sie in ganz Europa versandten. Auf den 26. Oktober 1863 beriefen sie in Genf eine in-ternationale Konferenz ein. Am vorgesehenen Tag fanden sich 18 Delegierte aus 14 Staaten ein. Alle damaligen Grossmächte waren vertreten. Die Schweiz hatte Oberfeldarzt Lehmann und Divisionsarzt Brière entsandt. Als Delegierte der Gemeinnützigen Gesellschaften der Kantone Waadt und Neuenburg nahmen zudem Pfarrer Moratel und Professor Sandoz an der Konferenz teil.
Geleitet vom Wunsch, den Verwundeten beizustehen, falls der militärische Sanitätsdienst an seine Grenzen gelangen sollte, verabschiedete die Konferenz nach viertägigen Beratungen eine Erkärung mit zehn Entschliessungen und drei Wünschen. Diese bildet die Grundcharta des Roten Kreuzes.

Das erste Genfer Abkommen von 1864

 
Nun mussten noch völkerrechtliche Bestimmungen erarbeitet werden, um auf dem Schlacht-feld einen neutralen, humanitären Raum zu schaffen. Dazu berief der Bundesrat im August 1864 eine diplomatische Konferenz ein. Zwei Wochen lang tagten 26 Diplomaten aus 16 Staaten im Alabama-Saal des Genfer Rathauses. Am 22. August verabschiedeten sie die «Convention zur Verbesserung des Schicksals der verwundeten Soldaten der Armeen im Felde», das erste Genfer Abkommen. Diese Konvention wurde in der Folge mehrmals über-arbeitet und schliesslich 1949 durch vier neue Abkommen ersetzt, die ebenfalls als Genfer Abkommen bezeichnet werden.


Unterzeichnung der Genfer Koncvention am  22. August 1864.
Im Abkommen von 1864 wurden die meisten Vorschläge des Komitees der Fünf berücksichtigt. Eine beeindruckende Entwicklung, die darauf zurückzuführen ist, dass die Gründung des Roten Kreuzes eine Antwort auf die Fragen und Ängste der damaligen Zeit bot. Diese Epoche war durch den Ausbruch von entfesselten Nationalkriegen, wie es der französische Marschall Foch ausdrückte, sowie durch das Aufkommen von industrialisierten Kriegen und Massenkriegen geprägt. Der amerikanische Sezessionskrieg (1861-1865) hatte dieser Entwicklung den Weg bereitet: durch die grosse Zahl der eingesetzten Soldaten, die Bedeutung der Technik und Logistik und die totale Mobilisierung der Mittel der kriegführenden Parteien. Vor allem jedoch durch die enormen menschlichen Verluste, die in die Hunderttausende gingen, sowie durch eine materielle Zerstörung in einem bisher nie dagewesenen Ausmass.

Ausschnitt aus dem  Bourbaki-Panorama.
Die Bestrebungen des Komitees der Fünf gingen auf eine lange Tradition des Mitleids zurück. Zu allen Zeiten wurde gegenüber Opfern von Kriegen, Epidemien und Katastrophen Barmherzigkeit und Wohltätigkeit geübt. Zu erinnern ist beispielsweise an die Orden der Tempelritter, der Malteser und der Johanniter. Oder an die oft heroischen Einsätze von Chi-rurgen wie Larrey in den napoleonischen Kriegen oder Pigorow im Krimkrieg, die sich bis an die Grenzen ihrer Kräfte für die Versorgung der Verwundeten engagierten.


Ein neues Menschenbild

Neu und aussergewöhnlich waren am Roten Kreuz jedoch der Geist und die Grundsätze, auf denen es beruhte. Von nun an wurde ohne jegliche Unterscheidung das Leiden aller Verwundeten gelindert. Ungeachtet ihrer Zugehörigkeit, Nationalität, Ideologie oder Rasse müssen verletzte Militärpersonen unverzüglich und uneingeschränkt versorgt werden. Denn ein verwundeter Soldat ist kein Feind mehr, sondern ein Opfer, das Hilfe braucht. 


In diesem Menschenbild kam eine Menschlichkeit zum Ausdruck, die von allen mitgetragen werden konnte. Das war der Grund, weshalb sich das Ideal des Roten Kreuzes überraschend schnell durchsetzen konnte. Innerhalb von nur fünf Jahren, von der Schlacht von Solferino am 24. Juni 1859 bis zum ersten Genfer Abkommen vom 22. August 1864, wurde die Utopie Realität. In allen grossen europäischen Staaten und danach in Amerika, Japan und im Osmanischen Reich entstanden freiwillige Hilfsgesellschaften. Mit der Entkolonialisierung breitete sich die Bewegung auf allen Kontinenten aus. 

Volksfest zur 125-Jahr-Feier der internationalen Rotkreuzbewegung in der Hauptstadt N'Djamena (Tschad). IFRC/Liliane de Toledo

Die 189 Gesellschaften, die heute bestehen, decken fast die gesamte Welt ab. In Absprache mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) setzen sie sich bei bewaffneten Konflikten ein. In Friedenszeiten engagieren sie sich im Gesundheits- und Sozialbereich, aber auch in der Nothilfe nach Naturkatastrophen, bei Hungersnöten, Epidemien und Zwangsumsiedlungen von Bevölkerungsgruppen.

Das humanitäre Völkerrecht nahm Gestalt an und wurde weiterentwickelt. Trotz seiner Lücken hat es sich bei den souveränen Staaten durchgesetzt. Der Krieg ist nicht mehr von jener extremen Barbarei geprägt, die in den Worten des römischen Dichters Plautus zum Ausdruck kommt: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf (Homo homini lupus est). Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, uneingeschränkte Gewalttaten werden heute verfolgt und verurteilt.
Aus Anlass dieses Jubiläums drängte sich ein Rückblick auf die Anfangsjahre des Roten Kreuzes auf. Denn es ist wichtig, an die Arbeit zu erinnern, die das Rote Kreuz in Kriegs- und Friedenszeiten leistet. An seinen Beitrag zum Zusammenleben in der Welt. Und an Millionen von Männern, Frauen und Kindern. 


Freiwillige des Syrisch Arabischen Roten Halbmondes tragen eine Frau in eine provisorische und ungewisse Sicherheit. Ibrahim Malla/IFRC
Wer denkt im Zusammenhang mit dem Roten Kreuz nicht auch das Land, in dem die Bewe-gung ihren Anfang nahm? An die Schweiz und an Genf. An die Schweiz mit ihrer Politik der Neutralität und ihrem humanitären Engagement. 
An Genf, die Heimat dieser fünf Visionäre, die sich in der Gemeinnützigen Gesellschaft engagierten und sich in den Dienst anderer Menschen stellten. Wäre ohne die Verbindung dieser beiden Kräfte das Rote Kreuz entstanden und hätte das humanitäre Völkerrecht seinen Siegeszug durch die Welt angetreten?

Und vor welchen Herausforderungen steht das Rote Kreuz in den kommenden Jahren? Ist es das Ergebnis einer Kultur, die dem Untergang geweiht ist, oder Ausdruck der unvergänglichen Menschenwürde? 


Das Rote Kreuz und die Schweiz

Getragen von einigen Genfern und von der Schweiz konnte es entstehen und sich zuweilen gegen Widerstände entwickeln. Es ist eine Tatsache, dass das Rote Kreuz in der Schweiz gegründet wurde. Es ist hier verwurzelt und hat sich von hier aus entwickelt, vor allem dank dem «Geist von Genf» und der Neutralitätspolitik. 


Zu verdanken ist dies auch dem Schweizer Volk, das in schwierigen Zeiten immer wieder seine Grosszügigkeit bewiesen hat. Schon vor Jahren haben sich zwei Bundesräte Gedanken zum gemeinsamen Zeichen, dem roten und dem weissen Kreuz gemacht: 

Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen bezeichnete das Rote Kreuz als das schönste Geschenk, das die Schweiz der Völkergemeinschaft gemacht habe. Und sein Kollege Hans-Peter Tschudi hielt fest, falls man das Bestehen der kleinen Schweiz rechtfertigen müsste, wäre das Rote Kreuz, das seit über einem Jahrhundert zum Wohl aller Menschen dieser Erde zuverlässig geführt worden sei, allein schon eine ausreichende Rechtfertigung. Unsere Landesflagge sei seit mehr als hundert Jahren eng mit dem Gedanken der Wohltätigkeit und der Barmherzigkeit verbunden.

Aufruf zur Mitgliedschaft beim SRK, 1921

Selbstverständlich darf die enge Verbindung zwischen der Schweiz und dem Roten Kreuz kein Vorwand sein, um einen humanitären Nationalismus zu kultivieren. Vielmehr sollte sie die Diskussion über die Rolle beleben, die unser Land auf internationalem Parkett zu spielen hat. Die Diskussion auch darüber, was unsere Pflicht ist, wenn wir dem Ideal von Henry Dunant treu bleiben wollen. Nämlich die Solidarität gegenüber den Schwächsten fördern, für die Unversehrtheit aller Menschen eintreten und auf Frieden hinarbeiten, ungeachtet des Kampfs der Kulturen.


Das Rote Kreuz hat die Welt vor allem deshalb erobert, weil es aus zutieftst Menschlichem geschöpft hat. Diese Menschlichkeit wird es hoffentlich auch durch die kommenden Jahrhunderte tragen.




 

Respektiert uns - beschützt uns! - Syrische Freiwillige brauchen Ihre Stimme - machen Sie mit bei der Online Suppport-Aktion der internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung

Mehr zum 150-Jahr-Jubiläum des IKRK (engl/franz)

Mehr zur Geschichte des SRK

Montag, 28. Oktober 2013

Syrien: Freiwillige Lebensretter im Einsatz.


Der Krieg in Syrien ist brutal. Jeden Tag fallen ihm Zivilisten zum Opfer. Und jeden Tag sind Freiwillige im Einsatz, der Zivilbevölkerung zu helfen - oft unter Lebensgefahr. Freiwillige wie Majd, Yamen und Shareef.



Von Vivian Tou’meh, Syrisch-Arabischer Roter Halbmond
Alle Bilder Ibrahim Malla, IFRC

In der Notfallzentrale für die ländlichen Aussenbezirke von Damaskus wimmelt es von Menschen in roten Overalls mit dem Emblem des Syrisch-Arabischen Roten Halbmonds. Sie alle sind ausgebildete Freiwillige. Einige nehmen Anrufe entgegen, andere lassen sich am Computer die Strassen anzeigen, die bei Notfalleinsätzen passierbar sind, andere machen Pause.

Notrufzentrale Jaramana: Majd Nasr diskutiert mit seinem Kollegen einen Einsatz.
Wir begegnen Ersthelfern, die sich für ihr Land einsetzen, um Leben zu retten – tagtäglich rund um die Uhr. Sie rücken bei jedem Notruf aus der ländlichen Umgebung von Damaskus aus.

Eine unmissverständliche Botschaft: die Schutzzeichen respektieren


Yamen Dawarah stiess vor drei Jahren zum Syrisch-Arabischen Roten Halbmond. Als er im Juli in Jaramana mit einer Ambulanz Verletzte ins Spital fuhr, wurde er bei einer Explosion am Bein verletzt.


Freiwillige organisieren ihren Einsatz nach einer Explosion in Jaramana.

Trotzdem denkt er nicht daran aufzuhören. «Für mich ist klar, dass ich mich weiter für die Menschen engagieren werde. Denn wer soll ihnen helfen, wenn nicht wir es tun? Vor allem angesichts der schwierigen Umstände, unter denen das syrische Volk Tag für Tag lebt.»
«Wir leisten humanitäre Arbeit und meine Familie bestärkt mich durchzuhalten. Sie ist stolz auf mein Engagement.»


Ein Ambulanzfahrzeug wird vorbereitet.

Yamen hat eine klare Botschaft: «Wir, die Freiwilligen vom Syrisch-Arabischen Roten Halbmond, bitten unsere Landsleute um Verständnis und Unterstützung für unsere humanitäre Arbeit. Und wir bitten sie, die Schutzzeichen zu respektieren.»


Auch Shareef al-Masri setzt seit zwei Jahren als Freiwilliger für den Syrisch-Arabischen Roten Halbmond ein. Nach einer Einführung in die Erste Hilfe hat er auch einen Vertiefungskurs absolviert. Er betont die positiven Auswirkungen der Freiwilligenarbeit für die Gemeinschaft und für ihn selbst.

Stress, Anspannung, Angst: Eine Portion Tischtennis hilft.

«Wir müssen diese Arbeit weiterführen und unser Bestes geben», erklärt er. «Manchmal reicht das Lächeln eines Kindes, um die Müdigkeit eines ganzen Tages zu vergessen.»

Mehr als guter Wille


Majd Nasr arbeitet seit acht Jahren als Freiwilliger für den Syrisch-Arabischen Roten Halbmond. Seit zweieinhalb Jahren engagiert er sich im Erste-Hilfe-Team, das die Sektion für die ländlichen Aussenbezirke von Damaskus kurz zuvor aufgebaut hat.
Seine Motivation begründet er so: «Wir müssen auf Abruf bereitstehen, um Menschen in Not zu helfen und die neuen Freiwilligen zu unterstützen. Die Freiwilligen, die der Syrisch-Arabische Rote Halbmond ausgebildet hat, verfügen über wertvolles Know-how. Sie müssen im Land bleiben und den Nachwuchs schulen.»


Gemeinsames Essen nach getaner Arbeit.
«Ich habe mich für Freiwilligenarbeit entschieden. Sie ist mein höchstes Lebensziel und ich kann sie jetzt nicht aufgeben. In der syrischen Gesellschaft war Freiwilligenarbeit nicht immer präsent. Das Pendel bewegte sich stets zwischen Ablehnung und Akzeptanz.»
Doch nun ist alles anders. Seit Beginn der Krise besteht eine verstärkte Bereitschaft zu Freiwilligenarbeit und humanitärem Engagement. Junge Menschen wie Yamen, Majd und Shareef sind der lebende Beweis dafür. Und es besteht nicht nur der gute Wille, sondern eine echte Bereitschaft, konkret etwas zu tun.


Trotz dem Schutzemblem sind 22 Freiwilligebereits umgekommen, viele weitere verletzt, entführt oder verhaftet. Helft mit, die syrischen Freiwillligen bei ihren Einsätzen zu schützen und unterstützt den weltweiten Aufruf der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung auf Thunderclap:

Dienstag, 24. September 2013

Allwetterfahrer für den guten Zweck unterwegs

Zweite Auflage der RIDE&HELP-Tour in Chur: Begeisterte Motorradfahrer sammeln Geld für das SRK-Hilfsprojekt "Augenlicht schenken".


Beatrix Spring, Projektleiterin









Tagelang zeigte sich der Spätsommer von der sonnigen Seite. Doch für den geplanten Motorradfahrersonntag am 8. September prognostizierte der Wetterbericht  einen Wetterumschlag. Glück im Unglück - in der Region Chur sollte es ein helles Wetterfenster geben. Ideal, um mit dem Motorrad in diese Gegend zu fahren und am RIDE & HELP-Event mitzumachen! Zum zweiten Mal organisierte das tüchtige und motivierte RIDE & HELP-Team ein abwechslungsreiches Programm mit einer tollen Rundfahrt für leidenschaftliche Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer. 

Reges Interesse der Motorradfahrer am Informationsstand des SRK
Das Wetter kam dann aber trotzdem anders, der Fön streikte und die dunklen Wolken tropfen immer wieder bis tief ins Tal. Dem zum Trotz dröhnten die vielen Maschinen über das Gehla-Gelände in Chur. Eine neben der anderen standen sie da bevor sie dann von der Polizei eskortiert hoch auf die Lenzerheide und im Rundkurs zurück nach Chur fuhren.

Ab geht die Fahrt zur Lenzerheide
Eineinhalb Stunden fuhren die Allwetterfahrer gut eingepackt in ihren schwarzen Lederanzügen und dem Helm auf dem Kopf. Das Entscheidende aber war das Strahlen in ihren Herzen, denn sie kamen aus Freude für die gute Sache: „500 Kinder sollen in Afrika das Augenlicht zurück erhalten“, sagt der Präsident des Organisationskomitees Rolf Capol. Und wenn sich der Bündner Kiwaner und Harley-Davidson-Fahrer etwas in den Kopf gesetzt hat, beweist er Ausdauer:  „Wir bleiben so lange dran, bis es soweit ist“.

Das RIDE&HELP-Team
Die RIDE&HELP-Tour Nummer 3 ist schon geplant: Am 7. September 2014 treffen sie sich wieder auf dem Gehla-Gelände in Chur. Und auch wir sind mit unserem Augenlichtprojekt dabei und sagen DANKE, DANKE an all die freiwilligen Helfenden und all den Idealisten auf den motorisierten Zweirädern.


Selbst ist die Frau, sagt Yvonne Biedermann aus Liechtenstein und hilft, wo sie kann.


Zur Website von Ride& Help
SRK-Projekt Augenlicht schenken


Montag, 23. September 2013

Nach der Flucht aus Syrien: Wie weiter?

Die Gewalt in Syrien zwingt Millionen von Menschen, in die Nachbarsländer zu fliehen. Nach ihrer Flucht stehen die Familien an einem fremden Ort vor dem Nichts. So wie Mohammad Khoulani (44), der seit Januar 2013 mit seiner Frau und acht Kindern in Jordanien lebt. Das SRK lindert das Leid der Familie etwas, indem es sie finanziell unterstützt.

Isabel Rutschmann
hat die Familie Khoulani
in Jordanien besucht.











Stellen Sie sich vor, Sie müssten von einer Minute auf die andere mit nichts anderem als den Kleidern am Leib Ihr Haus, Ihren Wohnort, Ihr Heimatland verlassen. Freunde, Verwandte, Arbeitsplatz, Schule – Sie müssten die ganze vertraute Umgebung hinter sich lassen und an einem fremden Ort in einer dürftigen Unterkunft ein neues Leben anfangen.

Sie wüssten nicht, was mit Ihrem Haus oder Ihrer Wohnung passiert, ob alles zerstört oder geplündert wird in Ihrer Abwesenheit. Und Sie hätten keine Ahnung, ob Sie je wieder nach Hause kehren können, geschweige denn, wie Sie Ihr Leben in der Fremde bewältigen sollen. Ein beängstigender Gedanke, den man lieber nicht zu nahe an sich heranlässt.

Mohammad Khoulani mit seiner Frau und drei seiner acht Kinder.
Für viele Menschen in Syrien ist aber genau dieses Szenario Realität geworden. Der Bürgerkrieg zwingt sie dazu, ihre Heimat oftmals Hals über Kopf zu verlassen und in Nachbarländern Zuflucht zu suchen. Eine dieser Familien ist die zehnköpfige Familie Khoulani aus Daraya, einem Vorort der Hauptstadt Damaskus. Khoulanis leben jetzt in Jerash, im Norden von Jordanien.

Wie möchten Sie am liebsten unterstützt werden in einer solchen Situation?


Das SRK hat sich entschieden, Flüchtlingsfamilien in Jordanien, die in ihrer Heimat ein selbstbestimmtes Leben geführt haben, mit einem finanziellen Beitrag an den Lebensunterhalt zu unterstützen. So können sie weiterhin Selbstverantwortung tragen und das Geld für Miete, Nahrungsmittel oder sonstige Güter des täglichen Bedarfs einsetzen.

Die Familien bekommen ein Bankkonto, auf das vom SRK jeden Monat rund 220 Franken einbezahlt werden, und dazu eine Bankkarte, mit der jeweils der Betrag abgehoben werden kann, der gerade benötigt wird. 


Mohammad Khoulani war vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien ein erfolgreicher Geschäftsmann. Der eigene Betrieb für Innenarchitektur lief gut. Er hatte ein schönes Haus, ein geregeltes Leben, gesunde, fröhliche Kinder und bereits drei Grosskinder. Die Unterstützung des SRK bedeutet ihm sehr viel: «Der finanzielle Beitrag des SRK ist für mich eine grosse Erleichterung. Nach unserer Flucht habe ich alles versucht, um selber für den Lebensunterhalt für meine Familie aufzukommen. Leider erfolglos. Darum bin ich sehr dankbar für diese Unterstützung. Zu wissen, dass ich jeden Monat die Miete bezahlen und die Familie ernähren kann, nimmt mir eine grosse Last von den Schultern.»

SRK erhöht Hilfe für syrische Flüchtlinge

So hilft das SRK in Jordanien

Bericht der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften:

Montag, 2. September 2013

Luis, Strassenretter in Tegucigalpa: Wir tun einfach, was zu tun ist.

In den Armenvierteln von Tegucigalpa wachsen Kinder inmitten von Gewalt und Drogenkriminalität auf. Um jenen, die es wollen, den Ausstieg und eine neue Perspektive zu ermöglichen, bietet das SRK dort Ausbildungen, Workshops und Freizeitprogramme an. Luis Geschichte, wie sie die Strasse in Tegucigalpa schrieb.
Katharina Schindler
hat Luis zugehört.

Eine Zeitlang habe ich mit dem Rotkreuzauto Rettungsfahrten gemacht. Da ich einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert habe, weiss ich, was zu tun ist.



Einmal wurde ich nach einer Schiesserei angerufen. Als ich hinkam, waren dort auf offener Strasse zwei Tote und ein Verletzter. Sofort habe ich mich um den Verletzten gekümmert und lebensrettende Massnahmen ergriffen.


Da fuhr plötzlich ein Auto vor, zwei Typen stiegen aus mit der Waffe in der Hand. Sie sagten mir, ich solle zur Seite rücken – dann erschossen sie den Verletzten. Ich konnte nichts tun.


Die Polizei war auch da, aber sie unternahm nichts. Manchmal haben die Polizisten selber Angst, oder sie stecken vielleicht mit den Killern unter einer Decke.  Ich werde dieses Erlebnis nie vergessen. Hier herrscht Krieg und wir vom Roten Kreuz tun einfach, was zu tun ist.










Tödliche Überschwemmungen in Bamako

Heftige Regenfälle forderten am 28. August in Malis Hauptstadt Bamako mehr als 30 Menschenleben und richteten in zwei Stadtteilen massive Zerstörungen an. Dutzende der aus Sandlehm gebauten Häuser  brachen unter den Wassermassen zusammen wie Dominosteine.






Unter den Opfern befanden sich zahlreiche Kleinkinder, welche in dem zum Strom gewordenen offenen Abwasserkanal ertranken. Das Ausmass der Zerstörung hängt vor allem mit der fehlenden Abfallentsorgung in der Millionenstadt zusammen. Die Behörden haben die Abfalldeponien nach und nach aufgehoben, um das Land gewinnbringender zu vermieten.  Dies hat zur Folge, dass der Abfall in den Abwasserkanälen endet, welche zum Fluss Niger führen. 



Bei heftigem Regen verstopfen sie den Wasserabfluss, was zu den Überschwemmungen führt.  Für die Regierung haben der bewaffnete Konflikt im Norden des Landes und die Ernährungssicherheit grössere Priorität als der Abfallentsorgung... 



Eine erste Bestandsaufnahme  des Malischen Roten Kreuzes im stark betroffenen Stadtteil Baconi  zeigt, dass dort mehr als 80% der Häuser zerstört oder beschädigt sind. Die Essensvorräte sowie sonstiges Hab und Gut wurden weggeschwemmt.




Vordringlich müssen das stagnierende Wasser kanalisiert und die Trümmer weggeräumt werden, um die Verbreitung von Epidemien zu vermeiden. Die Verteilung von  Nahrungsmitteln an die Obdachlosen und die Reparatur der Häuser sind weitere wichtige Massnahmen.  Zusammen mit dem Malischen Roten Kreuz beteiligt sich auch die Delegation des Schweizerischen Roten Kreuzes an der Linderung der Not der Einwohner Bamakos.  


Sandra Aeschlimann
SRK-Delegierte in Bamako

Donnerstag, 29. August 2013

Swar: Vom Strassenkind zum Rotkreuz-Mitarbeiter

In den Armenvierteln von Tegucigalpa wachsen Kinder inmitten von Gewalt und Drogenkriminalität auf. Um jenen, die es wollen, den Ausstieg und eine neue Perspektive zu ermöglichen, bietet das SRK dort Ausbildungen, Workshops und Freizeitprogramme an. Eine Geschichte, die das Leben in Tegucigalpa schrieb.

Katharina Schindler
erzählt Swars Geschichte







Ich bin mit der Mentalität der Maras aufgewachsen. Ich habe nie etwas anderes gekannt als die Strasse. Meine Mutter hat uns verlassen als ich noch klein war. Sie zog mit meinen Schwestern nach Spanien. Ich blieb mit meinem Vater zurück.


Mein Vater musste arbeiten, also war ich auf mich selbst gestellt. Logisch lebte ich auf der Strasse. Dort hat man sich um mich gekümmert. Mara-Anführer haben mir mein erstes Velo geschenkt. Später, als ich etwa zehnjährig war, musste ich dann auch Aufgaben für sie übernehmen. Ich wurde als Drogenkurier eingesetzt. Ich war noch klein, die Polizei kontrollierte mich nicht. Die Drogen transportierte ich in meiner Unterhose von einem Quartier ins andere.


Ich habe viel Schlimmes gesehen und auch Schlechtes getan. Aber ich habe nie getötet.  Das war für mich eine Grenze, die ich nicht überschreiten wollte. Deshalb bin ich ausgestiegen. Aber auch, weil ich es nicht mehr ertrug, Freunde zu verlieren. Ich habe viele sterben sehen, auch meinen Cousin. Mein bester Freund hat selber Drogen genommen. Eines Tages ist er zusammengebrochen und gestorben. Einfach so. Ich war extrem traurig, wusste nicht mehr was tun. Aber zuhause ich habe nie etwas erzählt.


Unterdessen habe ich auch einen kleine Halbbruder.  Von einer Tante hat meine Mutter in Spanien erfahren, dass ich in schlechten Kreisen verkehre. Sie hat sich extrem aufgeregt und mich immer wieder angerufen. Sie hat mir Vorwürfe gemacht und gesagt, sie sei schwer enttäuscht von mir. Das war auch ein Grund, weshalb ich mein Leben ändern wollte.


Von einem Kollegen wusste ich, dass man im Jugendzentrum des Roten Kreuzes Berufe erlernen und gute Leute treffen kann. Ich habe vor allem Computerkurse besucht. Jetzt leite ich sogar das Internetcafé im Jugendzentrum.


Zuerst hatte ich Angst. Weil ich so lange bei der Jugendbande war, habe ich Insider-Wissen. Ich dachte, sie würden mich umbringen, wenn ich aussteige. Das wäre nichts Ungewöhnliches, das kommt immer wieder vor.

Auch ein Jugendlicher, der hier im Zentrum mitmachte, wurde eines Tages doch noch erschossen.
Aber mir ist nichts passiert, langsam fühle ich mich sicherer. Manchmal treffe ich einen Kumpel von früher auf der Strasse. Dann grüsse ich ihn und gehe weiter.



Alle Bilder: Caspar Martig