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Montag, 28. Juni 2010

Haiti: Fussballfieber – auch in den Zeltcamps von Port-au-Prince

An diesem Sonntag steht die Stadt Port-au-Prince ganz im Banne der Fussball-WM, treffen doch mit Argentinien und Mexiko zwei lateinamerikanische "Bruderländer" aufeinander. Nicht nur die Autofahrer markieren mit wehenden Fahnen die Parteinahme für ihre Lieblingsmannschaft, die Symbole der lateinamerikanischen Fussballnationen sind auch an den Gebäudefassaden und selbst auf den die ganze Stadt überziehenden Trümmerhaufen allüberall präsent.

Fussball als Ablenkung von den Alltagssorgen - wer könnte dies nötiger haben als die Haitianerinnen und Haitianer? Ein halbes Jahr nach dem schweren Erdbeben vom 12. Januar leben noch über eine Million Menschen in Zelt-Camps. Ihre Zukunft ist ungewiss, denn noch immer hat die Regierung nicht entschieden, ob und in welchem Ausmass die stark zerstörte Hauptstadt wieder aufgebaut werden soll.



Das Rote Kreuz und andere Hilfsorganisationen versorgen die Obdachlosen vor allem mit sauberem Wasser und ambulanten Gesundheitsdiensten. Allein auf dem Champ de Mars, einer monumentalen Parkanlage im Zentrum der Stadt, sind neun Camps angelegt, in denen schätzungsweise über 5'000 Familien leben.



Auf engstem Raum, Zelt an Zelt, Kartonschachtel an Kartonschachtel. Da sich ihr Standort in der Stadtmitte befindet, geniessen sie immerhin das Privileg eines improvisierten Stromanschlusses.

Dies erlaubt auch Monsieur Paul, den heutigen Match in seiner Zeltbehausung auf dem Bildschirm zu verfolgen. Er hofft auf einen Sieg für Mexiko, sein Bruder Wilson für Argentinien. Mit dem Besucher aus der Schweiz verbindet sie jedoch der gemeinsame Wunsch, dass am Schluss Brasilien Weltmeister wird. In der Spielpause erzählt uns Monsieur Paul , dass seine zwei Kinder mit seiner Mutter in einem etwas grösseren Zelt in unmittelbarer Nachbarschaft leben und dass seine Frau beim Erdbeben ihr Leben verlor. Er schlägt sich schlecht und recht als Musiker durch, indem er vor allem an Beerdigungen als Trompeter aufspielt. Beerdigungen sind in Haiti besonders häufig, wobei die Musik als traditionelles Element dazu gehört. Und da das Leben und der allzu häufige Tod schon traurig genug sind, dürfen die Rhythmen auch fröhlich sein. Monsieur Paul und seiner Familie wiederum sichert der schöne Brauch das prekäre Überleben.

Wir verabschieden uns von Paul und Wilson mit dem Wunsch auf ein besseres Leben - und auf den WM-Sieg des grössten Landes des Kontinentes. Dass Brasilien so beliebt ist bei den Haitianern, hat auch mit der gemeinsamen Geschichte der Sklavenbefreiung der schwarzen Bevölkerung zu tun. Und mit dem starken Engagement, das Brasilien beispielsweise seit sieben Jahren im Rahmen der Stabilisierungs-Truppe der UNO in Haiti wahrnimmt.

Karl Schuler, Schweizerisches Rotes Kreuz

Das SRK in Haiti

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