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Dienstag, 6. Juli 2010

Haiti: Der Barbier von Carrefour

Die Suche nach dem „Ideal Barber Shop“ im urbanen Moloch von Port-au-Prince käme der spichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleich. Doch zum Glück hat mein Kollege Dr. Martin Weber mich mit einem von Hand aufgezeichneten genauen Plan auf den Weg geschickt. Verbunden mit dem Auftrag, dem Inhaber des in einem Zelt in der Vorstadt Carrefour eingerichteten „Friseursalons“ seine Grüsse zu übermitteln. Denn der Berner Rotkreuzarzt hatte den Shop von Marc Donald im letzten März zufällig entdeckt, als er im nahe gelegenen Feldspital im Einsatz stand.

Auf dem Parkplatz des Centre Sportif de Carrefour leben seit dem Beben vor sechs Monaten etwa 5‘000 Obdachlose in 900 Zelten. Mit Trinkwasser werden sie täglich vom Feldspital des Deutschen Roten Kreuzes versorgt. Der 20-jährige Freizeit-Friseur Marc Donald richtete hier seinen „Ideal Barber Shop“ ein. Vom Schweizer Arzt erhielt er ein Friseur-Set als Starthilfe, das Know-how hatte er bei einem Quartier-Coiffeur abgeschaut.

Marc Donald verbringt die Nächte in einem Zelt auf dem Vorplatz des stark beschädigten Elternhauses im selben Quartier.



Der aufgeweckte Junge absolviert einen Computer-Kurs in Port-au-Prince. Dieser ist kostenlos, doch muss er die täglichen Transportkosten für die fast zweistündige Fahrt auf der verstopften Strasse nach Port-au-Prince mit dem Tap-Tap – so heissen die farbig bemalten Kleinbusse privater Anbieter - selber aufbringen. Dies brachte ihn auf die Idee, einen Herrensalon zu eröffnen.





Der gewöhnliche Haarschnitt kostet 12 Gourdes, wie auf der Zeltwand aufgemalt ist. Dies enstpricht 30 Rappen. Auf 15 Gourdes kommt der „Coupe Americain“ zu stehen, wobei wir nicht herausgefunden haben, ob der Preisunterschied nur am Namen liegt. Mit vier Kunden pro Nachmittag, an denen der Friseurladen geöffnet ist, wird Marc Donald nicht reich.

Beim anschliessenden Besuch bei ihm zu Hause treffen wir seine freundliche Familie im Vorgarten. Hier verbringen sie auch meist die Nächte im Zelt, da das Haus bedrohliche Risse aufweisst und der Schock seit jenem 12. Januar tief sitzt. Gleich neben dem Wohnhaus türmt sich ein hoher Schutthaufen – die Überreste der völlig zerstörten Sekundarschule.



30 Schüler und die Schuldirektorin wurden dabei begraben. Die meisten Körper sind bis heute noch nicht geborgen worden. Die Menschen Haitis leben auf engem und vielfach makabrem Raum mit dem Mahnmal der grausamen Katastrophe.



Karl Schuler, Schweizerisches Rotes Kreuz

Das SRK in Haiti

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