Dienstag, 29. Juni 2010

Haiti: Fahrt durch das urbane Chaos

Eine Fahrt über die zahlreichen Hügelzüge der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince ist ein farbenfrohes Erlebnis. Unsere fünf Sinne reichen kaum aus, um das intensive Leben wahrzunehmen, das am Strassenrand vorbeizieht. An improvisierten Markständen lockt das Parfum der tropischen Früchte und aus den Garküchen steigt der Geruch der gebratenen Hühner.



Viele der zwei- bis dreistöckigen Gebäude fordern die physischen Gesetze der Statik heraus, wobei einige davon dies wohl schon vor dem Erdbeben von Anfang Jahr taten. Es ist vielfach unmöglich, den Wohnbereich von der Werkstätte oder dem Verkaufsraum zu unterscheiden. Alles fliesst ineinander über. Das Erdbeben hat riesige Zahnlücken in die Strassenzüge gerissen, die Trümmer sind auch ein halbes Jahr danach bei weitem noch nicht überall aufgeräumt. Dazwischen blühen auch im ersten Sommer nach der Katastrophe die roten Flamboyants.



Endlose Menschenschlangen sind zu Fuss unterwegs, im Überlebenskampf des Alltages ein eigentlicher Hindernislauf. Die ausgewaschenen und löchrigen Strassen sind permanent verstopft. Die bunt bemalten, Tap Tap genannten Kleinbusse schlängeln sich geschickt durch das Chaos.

Die Rue du Canapé Vert führt uns ins alte Stadtzentrum in die Rue St. Honoré. Diese hat mit der gleichnamigen Luxusmeile in Paris allerdings nichts gemein. Das in der Nähe des Meeresufers gelegene Zentrum wurde vom schweren Beben besonders stark zerstört. Bis heute sind noch nicht alle unter dem Beton begrabenen Menschen geborgen worden.



Als Port-au-Prince 1946 von einem noch stärkeren Beben als jenem vom vergangenen 12. Januar heimgesucht wurde, lebten 300'000 Menschen in der Stadt. Damals verlor jeder 150. Einwohner sein Leben. Beim jüngsten Erdbeben starb schätzungsweise fast jeder 10. der zwei Millionen Einwohner. Eine völlig unkontrollierte Urbanisierung und die Missachtung minimster Sicherheitsregeln im Bauwesen forderten diesen erschreckend hohen Zoll an Menschenleben.

Karl Schuler, Schweizerisches Rotes Kreuz

Das SRK in Haiti

Montag, 28. Juni 2010

Haiti: Fussballfieber – auch in den Zeltcamps von Port-au-Prince

An diesem Sonntag steht die Stadt Port-au-Prince ganz im Banne der Fussball-WM, treffen doch mit Argentinien und Mexiko zwei lateinamerikanische "Bruderländer" aufeinander. Nicht nur die Autofahrer markieren mit wehenden Fahnen die Parteinahme für ihre Lieblingsmannschaft, die Symbole der lateinamerikanischen Fussballnationen sind auch an den Gebäudefassaden und selbst auf den die ganze Stadt überziehenden Trümmerhaufen allüberall präsent.

Fussball als Ablenkung von den Alltagssorgen - wer könnte dies nötiger haben als die Haitianerinnen und Haitianer? Ein halbes Jahr nach dem schweren Erdbeben vom 12. Januar leben noch über eine Million Menschen in Zelt-Camps. Ihre Zukunft ist ungewiss, denn noch immer hat die Regierung nicht entschieden, ob und in welchem Ausmass die stark zerstörte Hauptstadt wieder aufgebaut werden soll.



Das Rote Kreuz und andere Hilfsorganisationen versorgen die Obdachlosen vor allem mit sauberem Wasser und ambulanten Gesundheitsdiensten. Allein auf dem Champ de Mars, einer monumentalen Parkanlage im Zentrum der Stadt, sind neun Camps angelegt, in denen schätzungsweise über 5'000 Familien leben.



Auf engstem Raum, Zelt an Zelt, Kartonschachtel an Kartonschachtel. Da sich ihr Standort in der Stadtmitte befindet, geniessen sie immerhin das Privileg eines improvisierten Stromanschlusses.

Dies erlaubt auch Monsieur Paul, den heutigen Match in seiner Zeltbehausung auf dem Bildschirm zu verfolgen. Er hofft auf einen Sieg für Mexiko, sein Bruder Wilson für Argentinien. Mit dem Besucher aus der Schweiz verbindet sie jedoch der gemeinsame Wunsch, dass am Schluss Brasilien Weltmeister wird. In der Spielpause erzählt uns Monsieur Paul , dass seine zwei Kinder mit seiner Mutter in einem etwas grösseren Zelt in unmittelbarer Nachbarschaft leben und dass seine Frau beim Erdbeben ihr Leben verlor. Er schlägt sich schlecht und recht als Musiker durch, indem er vor allem an Beerdigungen als Trompeter aufspielt. Beerdigungen sind in Haiti besonders häufig, wobei die Musik als traditionelles Element dazu gehört. Und da das Leben und der allzu häufige Tod schon traurig genug sind, dürfen die Rhythmen auch fröhlich sein. Monsieur Paul und seiner Familie wiederum sichert der schöne Brauch das prekäre Überleben.

Wir verabschieden uns von Paul und Wilson mit dem Wunsch auf ein besseres Leben - und auf den WM-Sieg des grössten Landes des Kontinentes. Dass Brasilien so beliebt ist bei den Haitianern, hat auch mit der gemeinsamen Geschichte der Sklavenbefreiung der schwarzen Bevölkerung zu tun. Und mit dem starken Engagement, das Brasilien beispielsweise seit sieben Jahren im Rahmen der Stabilisierungs-Truppe der UNO in Haiti wahrnimmt.

Karl Schuler, Schweizerisches Rotes Kreuz

Das SRK in Haiti

Donnerstag, 24. Juni 2010

Bangladesch: Hochsaison für Mangos und Fussball

Rajshahi, wo ich hauptsächlich arbeite, ist bekannt für Mangos aller Art – saure, süsse, gelbe und grüne. Eine Sorte ist dann am besten, wenn sie schon braun und halb verfault ist. Sie sieht zwar nicht mehr so schön aus, aber der Geschmack ist köstlich! In den Niederlanden habe ich Mangos jeweils weggeworfen, wenn sie so aussahen. In Bangladesch habe ich nun gelernt, dass sie genau so am besten sind. Doch auch „unreife“ Mangos können eine Delikatesse sein, wenn man sie mit etwas Zitronensaft und Knoblauch würzt.

Jede Menge Mangos auf dem Markt von Rajshahi

Die Mango-Saison hat also begonnen und die Ernte nimmt fast die gesamte Zeit der Leute in Anspruch. Auf dem Land sind alle voll beschäftigt. Auch unsere lokalen Mitarbeiter/innen. Alle haben etwas mit Mangos zu tun. Entweder sie haben einen Mangobaum im eigenen Garten, oder sie helfen Verwandten bei der Ernte.

Uns bleibt nichts anderes, als zur Kenntnis zu nehmen, dass unser Personal ziemlich absorbiert ist. Wenn wir Aktivitäten planen, heisst es: „Niemand wird da sein, denn die Mangos sind reif“, oder: „Wir müssen früh zurück, um bei der Ernte zu helfen.“
Auch auf unserer Reise zu den verschiedenen Klinken und Spitälern in der Region sahen wir überall Berge und Körbe voll von Mangos.

Wegen der Fussball-WM flattern auf vielen Dächern Flaggen. In diesem Quartier dominieren die Argentinien-Fans.

Daneben beschäftigt auch die Bangladescher ein universales Thema: Die Fussball-WM. Auf den Dächern vieler Häuser sind Fahnen gehisst. Am beliebtesten sind Argentinien und Brasilien. An dritter Stelle folgt Deutschland.

Cobie Visscher, SRK-Gesundheitsdelegierte in Bangladesch

Das SRK in Bangladesch

Dienstag, 15. Juni 2010

Vom Ruhen und Arbeiten in Bangladesch

Zurück in Dhaka bin ich richtig froh, dass ich der Hitze in Rajshahi mit 44 Grad Celsius entfliehen konnte. Allmählich verstehe ich die Bangladescher, die oft sagen, es sei viel zu heiss, um irgend etwas zu tun. Alex, unser Programmkoordinator in Dhaka hat mir die Arbeitshaltung der Leute hier zu erklären versucht – mit dieser Anekdote:

„Ein Fischer sass einmal entspannt am Seeufer auf einem bequemen Stuhl und schien sich auszuruhen. Da kam ein Händler vorbei und sah hunderte Fische im Wasser schwimmen und sogar durch die Luft springen. Er fragte den Fischer: Siehst du all diese Fische, die nur darauf warten, gefangen zu werden? Steh auf und mach dich an die Arbeit. Du kannst eine Menge Geld verdienen, ein grosses Haus kaufen, einen Fischhandel aufziehen und viele Leute anstellen. Und später, wenn du dich zur Ruhe setzt, kannst du dich entspannen und das Leben geniessen…“ Der Fischer schaute den Händler an und sagte: „Was erzählst du mir da! Genau das tue ich doch.“

Nun aber zurück zum Grossstadtleben.

Diese Woche ging ich mit unserer Partnerorganisation CAAP zur Aids-Aufklärung in die Slums von Dhaka. So lernte einige der ärmsten Gegenden der Hauptstadt kennen.


Die CAAP-Krankenschwester nahm mich mit in die Slums.


CAAP ist eine wichtige Partnerorganisation des SRK in Bangladesch. Die Abkürzung steht für „Confidential Approach to AIDS prevention”. Die Organisation betreibt ein Informationszentrum für HIV/Aids. Sie bietet Tests, Beratung, Behandlung und Unterstützung von Aids-Kranken an. Für die Aufklärung geht sie aber auch zu den Leuten.


Hier klärt eine freiwillige Mitarbeiterin von CAAP eine Frauengruppe über HIV/Aids auf.

Es war für mich sehr eindrücklich, die Slums zu besuchen und die Menschen dort kennen zu lernen. In einem andern Beitrag werde ich mehr darüber berichten.

Cobie Visscher, Gesundheitsdelegierte SRK in Bangladesch

Das SRK in Bangladesch

Donnerstag, 3. Juni 2010

Bangladesch: „No problem“ in Rajshahi

Zwei Wochen habe ich in Rajshahi verbracht und dabei Einiges erfahren. Vor allem, dass ich punkto Kommunikation noch viel lernen muss. Bei meiner Einführung ins Dascoh-Team habe ich nämlich diverse Informationen verpasst, nur weil ich die Körpersprache falsch interpretierte...

Aber zuerst will ich noch rasch erklären, wer Dascoh ist und was ich damit zu tun haben. Mit finanzieller und fachlicher Unterstützung des SRK verbessert Dascoh (Development Association for Self-reliance, Communication and Health) die gesundheitliche Grundversorgung in Rajshahi. Das Programm umfasst 480 Dörfer in 9 Bezirken und 2 Gemeinden mit einer Gesamtbevölkerung von 368‘443 Menschen. Ziel ist es, die Gesundheitsversorgung der Menschen, die in absoluter Armut leben, nachhaltig zu verbessern.

Dazu unterstützt und stärkt Dascoh auf vielfältige Weise die lokalen Kliniken und die Dorfgemeinschaften – alles von unten, von der Basis aus. Meine Rolle dabei ist es, das Dascoh-Team zu beraten und zu unterstützen.

Nun aber zurück zur Kommunikation, mit der ich mich manchmal etwas schwer tue. In Bangladesch machen die Leute häufig eine kleine, rasche Kopfbewegung nach rechts, was soviel bedeutet wie „ja“ oder „gut, wir fangen an“. Aber das wusste ich am Anfang nicht.

Denn in meiner Kultur (Niederlande) hat die gleiche Kopfbewegung eine komplett andere Bedeutung: “Du gefällst mir, kommst du mit?“ Als ich das erste Mal mit dem Dascoh-Team meine Arbeit besprach, interpretierte ich den Kopfschwenker nicht als „ja“, oder „richtig“. Weil niemand etwas sagte, hatte ich jeweils das Gefühl, man habe mich nicht verstanden. Folglich wiederholte ich meine Fragen - und immer wieder folgte dieser Kopfschwenker….


Das Dascoh-Team in Rajshahi – deutlich zu erkennen die schräge Kopfhaltung.

Weil die Bangladeshi sehr höflich sind, lächelten sie jeweils freundlich – obwohl sie sich sicher wunderten, weshalb ich immer wieder die gleichen Fragen stellte. Auch wenn Probleme auftauchen bleiben sie beim Lächeln und sagen: „No problem.“ Es wird wohl noch ein Weilchen dauern, bis ich durchschaue, was hinter dieser freundlichen Kulisse die wirklichen Probleme der Menschen sind.


Der Sicherheitsmann vor dem Dascoh-Gebäude.

Cobie Visscher, Gesundheitsdelegierte SRK in Bangladesch
Das SRK in Bangladesch