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Montag, 3. Oktober 2011

Pakistan: Wie verbringt man den Sonntag in Hyderabad?


Mark Ita leitet neu das Koordinationsbüro des Schweizerischen Roten Kreuzes in Pakistan. Die Wochentage verbringt er in dem in der Provinz Sindh gelegenen Dadu, wo das SRK mehrere von den schweren Fluten zerstörten Dörfer wiederaufbaut. Am Sonntag erholt er sich mit Kolleginnen und Kollegen in der Wohnung in der Stadt Hyderabad.

Hyderabad ist eine grosse Stadt, mit über einer Million Einwohnern die fünftgrösste Pakistans. Sie ist eine City mit wenig Charme, aber viel Verkehr und Abfall in den Strassen. Wer also gerne im frisch gebügelten Hemd einen gemütlichen Spaziergang vor dem Apéro machen möchte, sieht sich hier enttäuscht – nicht nur wegen des fehlenden Weissweins.

Nein, der Sonntag muss hier anders angepackt werden, soll er nicht auf ein Erlebnis vor dem Bildschirm zusammenschrumpfen. Auf Empfehlung von Haidar, unserem Fahrer, lassen meine Kollegin Melody und ich uns zum Museum fahren, wo wir uns erwartungsvoll auf die „Heritage of Major Civilization Known, Indus Valley Culture" einlassen.

Melody, Mark und Haidar

Dieses Museum in Hyderabad dokumentiert die Ausgrabungsstätte einer der ältesten bekannten Zivilisationen der Erde, Mohenjo Daro. Diese befindet sich nördlich unseres Projektgebiets im Dadubezirk in der Nähe der Stadt Larkana, Wir waren also gespannt. Nun, es war ein surrealer Gang durch ein verfallendes Gebäude, das in den 1950er Jahren entstanden und stehengeblieben war und seither buchstäblich verstaubt. Trotzdem kamen Besucher und bezahlten 5 Rupees (ca. 4 Rappen) Eintritt.


Der Strom fiel aus und wir tappten in einen dunklen Raum, wo eine Ausstellung russischer Fotographen angekündigt war. Ein Schatten sprang auf und rief begeistert ‚come, please come!‘. Ein kleiner Mann mit schmutzigem Hemd kam auf uns zu und deutete uns in der Urdu-Sprache an, dass er uns etwas zeigen wolle. Es war der Kurator des Museums. Er zeigte uns seine Sammlung alter Türen, die er über die Jahre gefunden hatte und erzählte uns, was er nun für eine Ausstellung damit machen und welches Dekor er dazu malen wolle.


Seine Liebe zum Detail, seine Hingabe zur Materie, seine Freude beim Erzählen, die Würde in seiner Kompetenz fand ich erhebend. Sie standen in einem krassen Gegensatz zur tristen Umgebung. Voller Stolz führte er uns in seine Werkstatt und durch die Fotoaustellung der russischen Künstler. Wir verabschiedeten uns von diesem Herrn mit einer gewissen Demut im Herzen.

Der Kurator und Mark Ita

Nun wagten wir uns zu einem Einkaufsbummel durch die Strassen Hyderabads unweit unseres Büros. Eselskarren, Motorräder, Tuktuks, Autos wirbelten im Vorbeifahren den Staub auf, der sich auf die Früchte und Gemüse der Marktstände am Strassenrand legte. Vorne kreisten gutgenährte Bussarde über den Gassen, sausten zwischendurch hinab, um sich zufrieden mit etwas im Schnabel auf den umliegenden Dachrändern niederzulassen und auf uns hinabzuspähen. Wir sind auf dem Hühnermarkt, wo offen und hemdsärmlig das verrichtet wird, was bei uns in hygienischen Fabriken industriell im Verborgenen geschieht: Lebende Hühner werden zu Poulets verarbeitet. Kein Anblick, der Hungergefühle weckt, der Geruch tut das seine dazu.


Erleichert flüchten wir uns in den schön gekühlten Supermarkt an der nächsten Strassenkreuzung, wo wir uns vertraute Produkte aus den sauberen Regalen holen, wie z.B. die „Chicken Cubes" von Knorr „with real Chicken".


Zuhause angelangt, waschen wir das Gemüse und die Früchte und planen unser Dinner – ohne Chicken.
Mark Ita, Sonntag, 2.10.2011

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