Dienstag, 25. Januar 2011

Mit Nostalgie zurück aus Haiti

Der Abschied nach drei Wochen im Cholera-Zentrum in Haiti ist ihr schwer gefallen. Für die Rotkreuzdienst-Frau Sabine Hediger war es die erste Auslanderfahrung, und sie ist ihr unter die Haut gegangen.


„Vor allem an die gute und herzliche Beziehung zu den haitianischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern werde ich mich für immer erinnern“, sagt sie etwas wehmütig. Die SRK-Krankenschwester war gleich nach Weihnachten auf die von einer schweren Choleraepidemie heimgesuchte Karibikinsel gefahren. Dort wirkte sie in der vom SRK und Médecins du Monde betriebene 40-Betten-Zeltklinik für Cholerakranke in der Stadt Grand-Goâve. Dabei war sie vor allem für die Ausbildung der einheimischen Pflegerinnen und Pfleger zuständig.


Check-up bei einem kleinen Cholera-Patienten (SRK/CRS).

Wenn Sabine Hediger von ihrem Einsatz erzählt, werden die Bilder ganz lebendig. Da fehlte die Ambulanz, und die Helfer installierten kurzerhand eine Matratze auf der Ladebrücke eines Pick-ups, um die Erkrankten in die Klinik zu transportieren. Sie fuhr auf dem holprigen Fahrzeug mit, um die Patienten zu überwachen.



Sabine Hediger fährt auf der improvisierten Ambulanz mit (SRK/CRS).

Voller Bewunderung spricht sie von den „hygiénistes“, die für die Reinigung angestellten und rund um die Uhr in mehreren Schichten tätigen 20 jungen Männer. Viele von ihnen sind Studenten oder haben sogar einen Hochschulabschluss, doch keinen regulären Job. Nun sind sie sich nicht zu schade dazu, die mit Erbrochenem und Durchfall gefüllten Eimer zu leeren und die Patientinnen und Patienten zu waschen. Zwar werden sie dafür bezahlt, aber keineswegs fürstlich.

Infusionen für die Cholera-Patienten (SRK/CRS).


Sabine Hediger fand einen guten und direkten Draht zu diesen einheimischen „hygiénistes“, weil sie vom ersten Tag an Interesse an ihrer Arbeit zeigte und auch bereit war, auf sie zu hören. In besonderer Erinnerung bleibt ihr der junge Mann, der von einer älteren Frau erfahren hat, ihr kleines Grosskind sei an Cholera erkrankt. Sie holten das Kleinkind in die Klinik und retteten ihm das Leben. „Der Rotkreuzdienst in unserer Armee hat mir sicher geholfen, Verständnis für diese Männer aufzubringen. Auch das Leben auf engem Raum und das Improvisieren bin ich mich vom Dienst her gewohnt“, meint sie.

Nun ist die Mutter von vier Kindern im Alter von 6 bis 13 Jahren wieder zurück in ihrem luzernischen Oberkirch. Während den drei Wochen hat alles gut geklappt zu Hause. Alle sind stolz darauf.
Aber auch auf den Haiti-Einsatz ihrer Mutter und Ehefrau. Die Wiederbegegnung war auch eine grosse Überraschung. Die Rückkehrerin hat nämlich in Grand-Goâve ganz spontan bei einer Coiffeuse am Strassenrand ihre Haare zu kleinen Zöpfchen im Afro-Look flechten lassen. „Jetzt bist Du eine Haitianerin“, riefen ihr dort die Leute freudig zu. Sabine Hediger nahm dies als Kompliment entgegen. Für einige Wochen wird nun die äusserliche Veränderung ihre nostalgische Erinnerung an Haiti zum Ausdruck bringen.

Fotos aus der Cholera-Klinik in Haiti

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Donnerstag, 6. Januar 2011

„Bis jetzt habe ich zum Glück noch keinen Todesfall erlebt“

Die SRK-Krankenschwester Sabine Hediger berichtet von ihrer Arbeit in der Cholera-Klinik in Haiti. Für die vierfache Mutter ist es ihr erster humanitärer Einsatz im Ausland.

Seit einer Woche bin ich in Haiti im Einsatz. Ich habe nur einmal, zum neuen Jahr, zuhause angerufen und viele SMS geschickt. Ansonsten konzentriere ich mich ganz auf meine Aufgaben. Es ist eindrücklich, wie gut die Cholera-Klinik funktioniert, die das SRK zusammen mit Médecins du Monde hier in Grand- Goâve betreibt.

Täglich kommen viele neue Patienten, manche sind in sehr schlechter Verfassung. Heute kämpften wir mehrere Stunden um das Leben eines einjährigen Mädchens. Es war bereits im Koma, als es gebracht wurde. Zum Glück ist die SRK-Kinderärztin Isabelle Güss hier, sie wusste, was zu tun ist. Unterdessen ist die Kleine über den Berg und trinkt schon wieder von der Brust der Mutter.

Bis jetzt habe ich zum Glück noch keinen Todesfall erlebt. Man kann sagen: Wenn die Patienten es bis hier schaffen, stehen die Chancen gut, dass sie die Cholera überleben. Das Problem ist der Weg, wenn sie von weit her kommen. Um auch in abgelegenen Dörfern erkrankte Menschen zu behandeln, werden jetzt kleine Aussenstationen aufgebaut: Zelte mit je sechs Betten, die von zwei Krankenschwestern betrieben werden. Das ist eine besondere Herausforderung. Um geeignete Fachleute zu finden, haben wir im Behandlungszentrum ein Inserat aufgehängt. Innert kürzester Zeit gingen 15 Bewerbungen ein. Meine Aufgabe ist es nun, die Bewerberinnen zu befragen und zu testen, damit wir abschätzen können, ob sie der schwierigen Aufgabe gewachsen sind.

Etwas überraschend ist, dass meine Aufgabe nicht in erster Linie die Pflege umfasst, sondern die Schulung des Personals. Die lokalen Krankenschwestern müssen über die Behandlung von Cholera Bescheid wissen. Sehr wichtig ist es, die Patienten gut zu beobachten und zu überwachen: den Puls, die Atmung, die Augen und die Haut. Der Zustand eines Patienten kann sich rapide verschlechtern, und wenn man dies nicht sofort erkennt, ist es vielleicht zu spät. Wegen schwerem Durchfall ist der Wasserverlust bei Cholera immens. Wir hatten einen Patienten, dem mussten innert 12 Stunden 20 Liter Wasser zugeführt werden.


Manchmal haben die lokalen Krankenschwestern Mühe, Infusionen zu stecken. Aus diesem Grund habe ich gestern einen Workshop durchgeführt, bei dem wir gegenseitig übten. Auf dem Bild sieht man, wie eine meiner haitianischen Kolleginnen versuchsweise an meinem Arm die Nadel steckt.

Weitere Bilder aus der Klinik in Haiti:


Telefongespräch aufgezeichnet von Katharina Schindler, SRK

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