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Donnerstag, 16. Februar 2012

Haitis weisse Plastikkessel

Ohne Wasser kein Leben, ohne Plastikkessel kein Wasser: Markus Häfliger, der das Team des Schweizerischen Roten Kreuzes vor Ort unterstützt, berichtet vom Alltag in Haiti.




 


Es gibt kaum einen banaleren Gegenstand als einen Plastikkessel. Doch es gibt auch kaum einen Gegenstand, der die Probleme Haitis eindrücklicher symbolisiert als ein Plastikkessel. Meist sind sie weiss und für den Neuankömmling sind sie ein Spektakel, eine Ikone des haitianischen Alltags. Schon Kinder balancieren gefüllte 5-Liter-Gefässe freihändig auf dem Kopf. Erwachsene tragen Kessel mit 15 oder noch mehr Litern, zum Teil kilometerweit. Zirkusreif!

Erwachsene? Ich sollte präzisieren: Erwachsene Frauen! Buben sind zwar auch mit Wasserbehältern unterwegs. Doch spätestens ab der Pubertät ist das Wasserschleppen reine Frauenarbeit. Überall, in den Strassen der Hauptstadt Port-au-Prince wie auf den Trampelpfaden im Bergdorf Palmiste-à-Vin – überall begegnet man diesen Frauen. Kerzengerade balancieren sie die schweren Kessel auf ihren Köpfen, oft freihändig, ein zusammengeknülltes Tuch als Polster zwischen Kopf und Kübel.

 Erst hier in Palmiste-à-Vin, wo das Schweizerische Rote Kreuz tätig ist, beginne ich so richtig zu begreifen, wie viel Mühsal diese Plastikkessel bedeuten. In Palmiste-à-vin heisst Wasserholen nicht, mal kurz um die Ecke zum Brunnen zu gehen. Hier gibt es nur ein paar armselige, verschmutzte Quellen, die irgendwo aus dem Boden drücken, oft sind sie kilometerweit und mehrere hundert Höhenmeter von den Wohnhäusern der Leute entfernt. "Ist das wenigstens Trinkwasser?", frage ich den SRK-Mitarbeiter Schiler St-Fort (im nächsten Bild), als wir zur sogenannten Nanda-Quelle hinab gestiegen sind. Was für eine naive Frage! "Trinkwasser? Es ist das Wasser, das sie trinken", antwortet Schiler trocken.


Schiler (hier auf dem Foto bei der Nanda-Quelle) ist beim SRK zuständig für das sogenannte WASH-Projekt. Im Rahmen dieses Projektes sollen 1200 Familien in Palmiste-à-Vin Latrinen und Zisternen erhalten, damit sie künftig Regenwasser sammeln können.
Rund 80 Familien oder über 400 Menschen leben von der Nanda-Quelle. Sie befindet sich unten im Tal, während die Leute oben auf den Hügeln leben. Jeden Liter, den die Familien zum Trinken, Kochen und Waschen brauchen, schleppen sie von hier hinauf über rutschige und steile Bergpfade.
Die Nanda-Quelle wird in einem Becken aus Beton gefasst. In der Trockenzeit führt die Nanda-Quelle so wenig Wasser, dass die Frauen ins Becken hinein steigen, um ihre Behälter überhaupt füllen zu können. Die Frauen stehen dann in ihrem eigenen Trinkwasser. Oft hat es so wenig Wasser, dass die Frauen neben der Quelle warten müssen, bis wieder genügend Wasser nachgeflossen ist.
Als Schiler und ich von der Nanda-Quelle wieder zur Strasse hochsteigen, schwitzen wir in der brütenden Mittagshitze – auch ohne Wasserkessel auf dem Kopf.

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