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Donnerstag, 21. Februar 2013

Die Hügelstadt Amman ist auch eine Flüchtlingsstadt

In Jordanien sind 350'000 Menschen gestrandet, die vor dem Krieg in Syrien fliehen mussten. SRK-Mitarbeiter Karl Schuler berichtet direkt aus Amman von ergreifenden Schicksalen von Flüchtlingsfamilien, die vom SRK unterstützt werden.


Eine offene Stadt


Überblickt man auf einem der sieben Hügel Ammans das  unendliche Häusermeer der jordanischen Hauptstadt, so erstaunt es einem nicht, dass hier gegen 1.5  Millionen Menschen leben. Die jordanische Hauptstadt ist nicht nur eine der ältesten des Nahen Ostens, sondern auch eine der grössten. 

Die aus hellem Kalkstein erbaute Hügelstadt trägt den Beinamen Weisse Stadt. Doch ebenso gut kann sie als Stadt der Flüchtlinge bezeichnet werden. Die ursprünglich als Flüchtlinge ins Land gekommenen Palästinenser bilden rund die Hälfte der sechs Millionen Einwohner Jordaniens. 

20.02.13; Amman: Uebersicht von Amman. (SRK/Luca Linder)

Nach dem Krieg im Irak nahm das Haschemitische Königreich eine weitere halbe Million Flüchtlinge auf. Die jüngste Flüchtlingswelle aus Syrien reisst noch immer nicht ab. Seit dem Ausbruch des Krieges vor bald zwei Jahren sind  schätzungsweise 350'000 Syrerinnen und Syrer ins Nachbarland geflohen und täglich treffen 2'000 weitere ein. 

Nur eine Minderheit von ihnen lebt in Camps, die grosse Mehrheit hat sich in den Städten und vor allem auch in Amman niedergelassen. Unter oft prekären Bedingungen haben sie hier eine Wohnung oder ein Haus gemietet oder wurden von Gastfamilien aufgenommen. "Wir leben eine Kultur und Tradition der Gastfreundschaft", sagt uns der Präsident des Jordanischen Roten Halbmondes Dr. Mohammed Al-Hadid.

20.02.13; Az-Zatari: Fluechtlingskinder spielen zwischen den Zelten im Fluechtlingslager Az-Zatari. (SRK/Luca Linder)



Die Wunden sitzen tief


Mit dem Schicksal der syrischen Kriegsflüchtlinge werden wir bereits am ersten Tag unseres Aufenthaltes konfrontiert. Wir begleiten die Helfer des Roten Halbmondes beim Hausbesuch im verwinkelten Altstadtviertel Ashrafiya.

Eine Treppengasse führt steil hinunter und macht plötzlich eine Biegung, dann stehen wir unvermittelt vor einem 2-stöckigen Wohnhaus. In den vier Räumen des oberen Stockwerkes haben sich drei miteinander verwandte Familien aus der syrischen Grenzstadt Dar'a niedergelassen. Insgesamt 13 Personen, wovon die Hälfte Kinder. Einige von ihnen leben bereits ein Jahr hier.

Erst vor einem Monat ist der durch eine Schusswunde am Fuss verletzte Hussein B. in Amman angekommen. Vor wenigen Tagen aus dem Spital entlassen, wohnt er nun hier bei seiner Schwester.

Frisch ist nicht nur die physische Wunde, unverheilt ist vor allem das Trauma. Mit tränenerstickter Stimme schildert er die Verfolgung durch Soldaten der syrischen Armee und die dramatische Flucht über die Grenze. Seine beiden Buben lehnen sich eng an ihren Vater und trösten ihn.

20.02.13; Amman: Hussein B. hat auf der Seite der Aufständischen im Bürgerkrieg in Syrien gekämpft. Im Januar 2013 floh er schliesslich über die Grenze nach Jordanien. Beim Versuch die Grenze zu passieren wurde er mehrfach angeschossen. Im Bild: Die beiden Söhne sitzen neben ihrem Vater. (SRK/Luca Linder)
Als sie von der Verwundung und Flucht ihres Mannes erfuhr, ist seine Frau U. mit den 9- und 13-jährigen Knaben mit dem Bus, der einen von der syrischen Grenzwache unkontrollierten Weg nahm, nach Amman aufgebrochen. Nun leben sie alle hier vereint mit ihrer erweiterten Familie. 

Auf unsere Frage, ob er sich trotz allem Hoffnung mache, blickt der verletzte Hussein mit einem stolzen Lächeln auf seine beiden kleinen Söhne: "Sie müssen eine friedliche Zukunft haben in ihrem Heimatland Syrien".

Das Mädchen mit dem Mond im Namen


Der Rote Halbmond und das SRK unterstützen 1'000 syrische Familien mit monatlich umgerechnet 220 Franken, mit denen sie vor allem ihre Miete bezahlen können. Tausende von Flüchtlingen erhalten ausserdem Nahrungsmittel und weitere Hilfsgüter. So auch A. und R. mit ihren fünf Kindern.

Wir besuchen sie in ihrem einfachen Haus, das sie seit drei Monaten bewohnen. Von der staubigen und lärmigen Hauptstrasse führt eine von Oliven- und Zitronenbäumen gesäumte Passage zum Wohnhaus mit zwei grösseren Räumen. "Unser Haus in Dar'a ist beim Angriff der Armee niedergebrannt und um unser Leben zu retten, mussten wir über Nacht fliehen", sagt der 47-jährige Familienvater. 


20.02.13; A. (ganz rechts) posiert mit seiner Tochter Kamar und seiner Frau für ein Foto vor ihrem neuen Zuhause in Amman. Die syrische Familie floh vor dem Krieg im eigenen Land. (SRK/Luca Linder)

"Wegen den Snipers konnten unsere Kinder die Schule schon seit mehreren Monaten nicht mehr besuchen", ergänzt seine Frau. Bei der Flucht mussten sie alles zurücklassen. Hier in Amman haben sie von jordanischen Familien das Notwendigste für die Wohnungseinrichtung erhalten, so auch den weichen Teppich, auf dem wir sitzen. 

Da die jordanischen Schulen die syrischen Kinder in den Unterricht aufnehmen, können ihre drei schulpflichtigen Kinder die nahe gelegene Primarschule besuchen. Um die erhöhte Anzahl Schulkinder aufzunehmen, werden die Klassen nun in einer Morgen- und einer Nachmittagsschicht geführt. Deshalb ist heute Vormittag die 10-jährige Kamar zu Hause. Kamar - der Mond. Das Mädchen  strahlt, als wir ihr zu ihrem schönen Namen ein Kompliment machen. Und vergisst für einen Moment die beklemmenden Erlebnisse der Vergangenheit und die Ungewissheit der Zukunft.

Karl Schuler, SRK

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