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Dienstag, 29. Oktober 2013

Ein denkwürdiges Jubiläum: 150 Jahre Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung.

Im Anschluss an eine internationale Konferenz, die im Herbst 1863 in Genf stattfand, nahm der Rotkreuzgedanke konkrete Formen an und verbreitete sich weltweit. In den Folgejahren entstanden nach und nach lokale Komitees und Nationale Gesellschaften. Dunants Utopie wurde Realität.


Philippe Bender, Historiker, Abteilung Kommunikation SRK

Der 29. Oktober 1863 ist der Geburtstag der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung. Damals nahmen Vertreter von vierzehn europäischen Staaten, von gemeinnützigen Organisationen und mehrere Militärärzte an einer Konferenz in Genf teil. In einer Schlusserklärung wurden alle Länder aufgefordert, Komitees oder Hilfsgesellschaften zur Versorgung von Soldaten zu gründen, die im Kampf verwundet werden.


Diese Konferenz folgte dem prophetischen Aufruf, den Henry Dunant (1828-1910) in «Eine Erinnerung an Solferino» lanciert hatte. In diesem Buch berichtete er über seine dramatischen Erlebnisse nach der Schlacht von Solferino am 24. Juni 1859. 


Die Schlacht bei Solferino. Carlo Bossoli, Museo Nazionale del Risorgimento, Turin. Photothek IKRK 

In der Nähe dieses italienischen Städtchens wurde eine der grössten und zugleich blutigsten Schlachten des 19. Jahrhunderts geschlagen. Zwischen der französischen und piemontesischen Armee unter der Führung von Napoleon III. und dem österreichischen Heer unter dem Kommando von Franz-Joseph kam es zu einem fürchterlichen Gemetzel. Beide Lager mussten grosse Verluste hinnehmen: 

Insgesamt lagen 40 000 Tote und Verwundete auf dem Schlachtfeld. Angesichts dieses Blutbads waren die Sanitätsdienste der beiden Armeen völlig überfordert. Pro 1000 Soldaten stand nur ein Chirurg zur Verfügung, die Sanitätssoldaten waren schlecht ausgebildet und die Medikamenten- und Verbandskisten waren hinter der Front zurückgeblieben.

Henry Dunant war aus geschäftlichen Gründen an den Gardasee gereist. Er wollte dem französischen Kaiser seine Streitigkeiten mit der algerischen Kolonialverwaltung unterbreiten. Unvermittelt wurde er mit den Schrecken des Krieges konfrontiert. Die Kirche von Castiglione war überfüllt mit sterbenden Soldaten, deren Blut sich auf den Kirchenboden ergoss. Durchdringender Eitergeruch erfüllte die Luft.

Dunant liess seine Pläne fallen, um den Verwundeten zu helfen, die ohne medizinische Versorgung dem Tod geweiht waren. Er unterschied nicht zwischen Freund und Feind. Unterstützt von den Frauen von Castiglione, die dem Aufruf «Tutti fratelli!» folgten, wurde der Bankier zum «barmherzigen Samariter».

1862: Eine Erinnerung an Solferino


Zurück in Genf schrieb Dunant seine aufwühlenden Erfahrungen nieder, «wie geleitet von einer höheren Macht und inspiriert durch den Atem Gottes». «Eine Erinnerung an Solferino» erschien Ende Oktober 1862 zunächst als Luxusausgabe, die für die europäischen Königshäuser und Staatskanzleien bestimmt war. Denn Dunant wollte die Regierenden davon überzeugen, dass verwundete Soldaten nach geschlagener Schlacht nicht einfach ihrem Schicksal überlassen werden dürfen. Sein christlicher Glaube, die moralische Überzeugung, dass jedes einzelne Menschenleben zählt, und seine humanistische und kosmopolitische Haltung bewogen ihn dazu, an das Gewissen seiner Zeitgenossen zu appellieren. Das Buch wurde ein grosser Erfolg und rüttelte Machthaber und Öffentlichkeit auf. Von allen Seiten wurde Henry Dunant zu seinem Werk beglückwünscht. Gekrönte Häupter, Minister, Generäle, Schriftsteller, Philanthropen – alle gratulierten ihm. 


Al Moadamia, Syrien. Ein Ehepaar wird unter dem Schutz des Rotkreuzemblems ausdem Kampfgebiet evakuiert. Ibrahim Malla/IFRC
Aber waren sie auch bereit, seine zentralen Ideen zu übernehmen: den Aufbau von ständigen Hilfskomitees für die Verwundeten, der späteren Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften, die Neutralität der Verwundeten, des Sanitätspersonals und -materials und die Erarbeitung eines Kriegsrechts, das mitten im Kampf Schutz bietet? 

Dank der beharrlichen Arbeit einiger Genfer Bürger unter der Leitung von Gustave Moynier gelang es, die genialen Gedanken von Henry Dunant zu verwirklichen. Die Ideale des Roten Kreuzes wurden über die ganze Welt verbreitet und an die Umstände angepasst. Zugleich wurden die humanitäre Hilfe und das humanitäre Völkerrecht auf einen immer grösseren Personenkreis ausgedehnt. 


Eine Handvoll Visionäre
   
Der Jurist Gustave Moynier (1826-1910) war Präsident der Genfer gemeinnützigen Gesellschaft (SGUP). Diese einflussreiche Institution der liberalen protestantischen Elite betrieb Dutzende von wohltätigen Einrichtungen und Fonds. Moynier erkannte rasch, dass Dunants Ideen das Schicksal der Opfer bewaffneter Konflikte grundlegend verändern würden. Neben seinen persönlichen Fähigkeiten stellte er auch den Einfluss der SGUP in den Dienst von Dunants Anliegen. Für deren Tagung vom 9. Februar 1863 sah er ein Traktandum 3 vor: Integration von freiwilligem Pflegepersonal in die kriegführenden Armeen (Schlussfolgerung aus dem Buch von Dunant).
Für Henry Dunant, der seit dem 8. Dezember 1862 Mitglied der SGUP war, bedeutete diese Sitzung ein erster Erfolg. An ihr wurde eine fünfköpfige Kommission eingesetzt, die den Auftrag erhielt, einen Bericht für den Wohltätigkeitskongress zu verfassen, der im November 1863 in Berlin stattfinden sollte.


Neben Dunant und Moynier gehörten dieser Kommission drei weitere hochrangige Persönlichkeiten an: die Ärzte Appia (1818-1898) und Maunoir (1806-1869) sowie General Dufour (1787-1875), eine Symbolfigur der noch jungen Schweiz.



Fünf Genfer Visionäre
An ihrer ersten Sitzung am 17. Februar 1863 beschloss die Kommission, ein ständiges internationales Komitee zu bilden. Damit brachte sie zum Ausdruck, dass sie ihre Aufgabe auch nach der Erfüllung des Auftrags der SGUP weiterführen wollte. Die fünf Kommissionsmitglieder waren von der Bedeutung der entstehenden Institution überzeugt und wollten über den engen Rahmen ihrer Stadt hinaus tätig werden. In nur sieben Sitzungen setzte das Komitee der Fünf die drei Hauptanliegen Dunants um: die Neutralität der Opfer sowie des Sanitätspersonals und -materials, die Gründung von ständigen nationalen Hilfsgesellschaften zur Versorgung der Verwundeten – der späteren Nationalen Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften – sowie die Schaffung eines rechtlich geschützten Raums bei Kampfhandlungen, aus dem sich das humanitäre Völkerrecht entwickelte.

Die Genfer Konferenz von 1863

 
Dunant und Moynier erarbeiteten rasch einen Entwurf für ein Konkordat mit zehn Artikeln, den sie in ganz Europa versandten. Auf den 26. Oktober 1863 beriefen sie in Genf eine in-ternationale Konferenz ein. Am vorgesehenen Tag fanden sich 18 Delegierte aus 14 Staaten ein. Alle damaligen Grossmächte waren vertreten. Die Schweiz hatte Oberfeldarzt Lehmann und Divisionsarzt Brière entsandt. Als Delegierte der Gemeinnützigen Gesellschaften der Kantone Waadt und Neuenburg nahmen zudem Pfarrer Moratel und Professor Sandoz an der Konferenz teil.
Geleitet vom Wunsch, den Verwundeten beizustehen, falls der militärische Sanitätsdienst an seine Grenzen gelangen sollte, verabschiedete die Konferenz nach viertägigen Beratungen eine Erkärung mit zehn Entschliessungen und drei Wünschen. Diese bildet die Grundcharta des Roten Kreuzes.

Das erste Genfer Abkommen von 1864

 
Nun mussten noch völkerrechtliche Bestimmungen erarbeitet werden, um auf dem Schlacht-feld einen neutralen, humanitären Raum zu schaffen. Dazu berief der Bundesrat im August 1864 eine diplomatische Konferenz ein. Zwei Wochen lang tagten 26 Diplomaten aus 16 Staaten im Alabama-Saal des Genfer Rathauses. Am 22. August verabschiedeten sie die «Convention zur Verbesserung des Schicksals der verwundeten Soldaten der Armeen im Felde», das erste Genfer Abkommen. Diese Konvention wurde in der Folge mehrmals über-arbeitet und schliesslich 1949 durch vier neue Abkommen ersetzt, die ebenfalls als Genfer Abkommen bezeichnet werden.


Unterzeichnung der Genfer Koncvention am  22. August 1864.
Im Abkommen von 1864 wurden die meisten Vorschläge des Komitees der Fünf berücksichtigt. Eine beeindruckende Entwicklung, die darauf zurückzuführen ist, dass die Gründung des Roten Kreuzes eine Antwort auf die Fragen und Ängste der damaligen Zeit bot. Diese Epoche war durch den Ausbruch von entfesselten Nationalkriegen, wie es der französische Marschall Foch ausdrückte, sowie durch das Aufkommen von industrialisierten Kriegen und Massenkriegen geprägt. Der amerikanische Sezessionskrieg (1861-1865) hatte dieser Entwicklung den Weg bereitet: durch die grosse Zahl der eingesetzten Soldaten, die Bedeutung der Technik und Logistik und die totale Mobilisierung der Mittel der kriegführenden Parteien. Vor allem jedoch durch die enormen menschlichen Verluste, die in die Hunderttausende gingen, sowie durch eine materielle Zerstörung in einem bisher nie dagewesenen Ausmass.

Ausschnitt aus dem  Bourbaki-Panorama.
Die Bestrebungen des Komitees der Fünf gingen auf eine lange Tradition des Mitleids zurück. Zu allen Zeiten wurde gegenüber Opfern von Kriegen, Epidemien und Katastrophen Barmherzigkeit und Wohltätigkeit geübt. Zu erinnern ist beispielsweise an die Orden der Tempelritter, der Malteser und der Johanniter. Oder an die oft heroischen Einsätze von Chi-rurgen wie Larrey in den napoleonischen Kriegen oder Pigorow im Krimkrieg, die sich bis an die Grenzen ihrer Kräfte für die Versorgung der Verwundeten engagierten.


Ein neues Menschenbild

Neu und aussergewöhnlich waren am Roten Kreuz jedoch der Geist und die Grundsätze, auf denen es beruhte. Von nun an wurde ohne jegliche Unterscheidung das Leiden aller Verwundeten gelindert. Ungeachtet ihrer Zugehörigkeit, Nationalität, Ideologie oder Rasse müssen verletzte Militärpersonen unverzüglich und uneingeschränkt versorgt werden. Denn ein verwundeter Soldat ist kein Feind mehr, sondern ein Opfer, das Hilfe braucht. 


In diesem Menschenbild kam eine Menschlichkeit zum Ausdruck, die von allen mitgetragen werden konnte. Das war der Grund, weshalb sich das Ideal des Roten Kreuzes überraschend schnell durchsetzen konnte. Innerhalb von nur fünf Jahren, von der Schlacht von Solferino am 24. Juni 1859 bis zum ersten Genfer Abkommen vom 22. August 1864, wurde die Utopie Realität. In allen grossen europäischen Staaten und danach in Amerika, Japan und im Osmanischen Reich entstanden freiwillige Hilfsgesellschaften. Mit der Entkolonialisierung breitete sich die Bewegung auf allen Kontinenten aus. 

Volksfest zur 125-Jahr-Feier der internationalen Rotkreuzbewegung in der Hauptstadt N'Djamena (Tschad). IFRC/Liliane de Toledo

Die 189 Gesellschaften, die heute bestehen, decken fast die gesamte Welt ab. In Absprache mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) setzen sie sich bei bewaffneten Konflikten ein. In Friedenszeiten engagieren sie sich im Gesundheits- und Sozialbereich, aber auch in der Nothilfe nach Naturkatastrophen, bei Hungersnöten, Epidemien und Zwangsumsiedlungen von Bevölkerungsgruppen.

Das humanitäre Völkerrecht nahm Gestalt an und wurde weiterentwickelt. Trotz seiner Lücken hat es sich bei den souveränen Staaten durchgesetzt. Der Krieg ist nicht mehr von jener extremen Barbarei geprägt, die in den Worten des römischen Dichters Plautus zum Ausdruck kommt: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf (Homo homini lupus est). Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, uneingeschränkte Gewalttaten werden heute verfolgt und verurteilt.
Aus Anlass dieses Jubiläums drängte sich ein Rückblick auf die Anfangsjahre des Roten Kreuzes auf. Denn es ist wichtig, an die Arbeit zu erinnern, die das Rote Kreuz in Kriegs- und Friedenszeiten leistet. An seinen Beitrag zum Zusammenleben in der Welt. Und an Millionen von Männern, Frauen und Kindern. 


Freiwillige des Syrisch Arabischen Roten Halbmondes tragen eine Frau in eine provisorische und ungewisse Sicherheit. Ibrahim Malla/IFRC
Wer denkt im Zusammenhang mit dem Roten Kreuz nicht auch das Land, in dem die Bewe-gung ihren Anfang nahm? An die Schweiz und an Genf. An die Schweiz mit ihrer Politik der Neutralität und ihrem humanitären Engagement. 
An Genf, die Heimat dieser fünf Visionäre, die sich in der Gemeinnützigen Gesellschaft engagierten und sich in den Dienst anderer Menschen stellten. Wäre ohne die Verbindung dieser beiden Kräfte das Rote Kreuz entstanden und hätte das humanitäre Völkerrecht seinen Siegeszug durch die Welt angetreten?

Und vor welchen Herausforderungen steht das Rote Kreuz in den kommenden Jahren? Ist es das Ergebnis einer Kultur, die dem Untergang geweiht ist, oder Ausdruck der unvergänglichen Menschenwürde? 


Das Rote Kreuz und die Schweiz

Getragen von einigen Genfern und von der Schweiz konnte es entstehen und sich zuweilen gegen Widerstände entwickeln. Es ist eine Tatsache, dass das Rote Kreuz in der Schweiz gegründet wurde. Es ist hier verwurzelt und hat sich von hier aus entwickelt, vor allem dank dem «Geist von Genf» und der Neutralitätspolitik. 


Zu verdanken ist dies auch dem Schweizer Volk, das in schwierigen Zeiten immer wieder seine Grosszügigkeit bewiesen hat. Schon vor Jahren haben sich zwei Bundesräte Gedanken zum gemeinsamen Zeichen, dem roten und dem weissen Kreuz gemacht: 

Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen bezeichnete das Rote Kreuz als das schönste Geschenk, das die Schweiz der Völkergemeinschaft gemacht habe. Und sein Kollege Hans-Peter Tschudi hielt fest, falls man das Bestehen der kleinen Schweiz rechtfertigen müsste, wäre das Rote Kreuz, das seit über einem Jahrhundert zum Wohl aller Menschen dieser Erde zuverlässig geführt worden sei, allein schon eine ausreichende Rechtfertigung. Unsere Landesflagge sei seit mehr als hundert Jahren eng mit dem Gedanken der Wohltätigkeit und der Barmherzigkeit verbunden.

Aufruf zur Mitgliedschaft beim SRK, 1921

Selbstverständlich darf die enge Verbindung zwischen der Schweiz und dem Roten Kreuz kein Vorwand sein, um einen humanitären Nationalismus zu kultivieren. Vielmehr sollte sie die Diskussion über die Rolle beleben, die unser Land auf internationalem Parkett zu spielen hat. Die Diskussion auch darüber, was unsere Pflicht ist, wenn wir dem Ideal von Henry Dunant treu bleiben wollen. Nämlich die Solidarität gegenüber den Schwächsten fördern, für die Unversehrtheit aller Menschen eintreten und auf Frieden hinarbeiten, ungeachtet des Kampfs der Kulturen.


Das Rote Kreuz hat die Welt vor allem deshalb erobert, weil es aus zutieftst Menschlichem geschöpft hat. Diese Menschlichkeit wird es hoffentlich auch durch die kommenden Jahrhunderte tragen.




 

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